Kinder wachsen heute in Systemen auf, die darauf ausgelegt sind, ihre Daten vom ersten Moment an zu sammeln und zu speichern, in dem sie online gehen. Was als Schulkonto, erste E-Mail-Adresse oder Messaging-App beginnt, kann zu einer langfristigen Aufzeichnung ihres Verhaltens, ihrer Beziehungen und ihrer Identität werden. Und diese Daten können jahrelang zugänglich bleiben.

Neue Untersuchungen von Proton zeigen die Folgen dieses Systems im großen Maßstab. Im vergangenen Jahrzehnt haben Google, Apple und Meta Daten aus mehr als 3,5 Millionen Benutzerkonten an US-Behörden weitergegeben — ein Anstieg um 770 %, seit die Unternehmen begonnen haben, diese Anfragen offenzulegen. Zusammen mit Offenlegungen im Rahmen des Foreign Intelligence Surveillance Act (FISA) steigt diese Zahl auf 6,9 Millionen.

Das ist die eigentliche Gefahr daran, Big Tech die Architektur der Kindheit im Internet definieren zu lassen. Daten, die zu kommerziellen Zwecken gesammelt werden — um Werbung gezielt auszuspielen, KI zu trainieren und Profile aufzubauen — können später staatlicher Überwachung ausgesetzt werden. Wenn dieses System weiter ausgebaut werden darf, wird die nächste Generation ein Internet erben, in dem Privatsphäre nicht schrittweise geschwächt wird, sondern von Anfang an aus dem Design entfernt wurde.

Was die Forschung über Big Tech und Partnerschaften mit Regierungen zeigt

Unsere Analyse aus dem Jahr 2025 ergab, dass der staatliche Zugriff auf bei Big Tech gespeicherte Benutzerdaten im vergangenen Jahrzehnt stark zugenommen hatte. Die neuesten Transparenzberichte zeigen, dass sich dieser Trend fortgesetzt hat.

US-Behörden verlassen sich bei Benutzerdaten weiterhin auf Big Tech

Zwischen Ende 2014 und Anfang 2025 gaben Google, Meta und Apple als Reaktion auf routinemäßige Anfragen Daten aus mehr als 3,5 Millionen Benutzerkonten an US-Behörden weiter.

In diesem Zeitraum stieg die Zahl der offengelegten Konten bei Google um 557 %, bei Meta um 668 % und bei Apple um 927 %. Allein in der ersten Hälfte des Jahres 2025 legten diese Unternehmen Daten aus mehr als 282.000 US-Konten offen.

Die Zahl von 3,5 Millionen bezieht sich auf routinemäßige staatliche Anfragen, die in üblichen Transparenzberichten gemeldet wurden. Sie umfasst keine Anfragen, die im Rahmen des Foreign Intelligence Surveillance Act (FISA) gestellt werden; diese werden nach Regeln der nationalen Sicherheit separat und mit weniger Details gemeldet. Wenn FISA-Anfragen nach Inhalten einbezogen werden, steigt die Gesamtzahl der offengelegten Konten bis Ende 2024 auf ungefähr 6,7 Millionen.

Zwischen 2014 und 2024 stieg die Zahl der gemeldeten FISA-Anfragen nach Inhalten bei Meta um 2.486 % und bei Google um 649 %. Apple veröffentlicht keine vergleichbaren Daten, die bis 2014 zurückreichen, aber die offengelegten FISA-Anfragen nach Inhalten stiegen dort zwischen 2018 und 2024 um 443 %. Der Stichtag ist 2024, weil sich die FISA-Berichterstattung noch nicht bis ins Jahr 2025 erstreckt, anders als die routinemäßigen Transparenzdaten.

EU-Anfragen nehmen stark zu

Europäische Regierungen erreichen insgesamt nicht das Volumen der USA, doch die Anfragen in der Europäischen Union wachsen weiterhin schnell.

Im ersten Halbjahr 2025 forderten EU-Mitgliedstaaten Daten zu 231.199 Benutzerkonten an, gegenüber 164.472 im gleichen Zeitraum des Vorjahres — ein Anstieg von rund 40 %. Seit Ende 2014 ist die Gesamtzahl der Anfragen um mehr als 1.100 % gestiegen.

Der Anstieg verteilt sich nicht gleichmäßig. Deutschland hatte im ersten Halbjahr 2025 den größten Anteil und forderte Daten zu 101.811 Benutzerkonten an, gefolgt von Frankreich (36.831), Polen (24.373) und Spanien (20.984).

Das ist nur möglich, weil Big Tech deine Daten lesbar hält

Das Problem ist nicht, dass Unternehmen rechtmäßigen staatlichen Anfragen nachkommen, denn jedes Unternehmen, das in einem Land weiter tätig sein will, muss auf dessen gültige rechtliche Anordnungen reagieren. Das tiefere Problem ist, dass Google, Meta und Apple Systeme darauf aufgebaut haben, riesige Mengen an personenbezogenen Daten zu sammeln und in Formen zu speichern, auf die sie weiterhin zugreifen können. Wenn ein Unternehmen die Schlüssel hat, kann es deine Daten lesen. Wenn es deine Daten lesen kann, kann es auch dazu gezwungen werden, sie herauszugeben.

Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist der sicherste Weg, um zu begrenzen, was offengelegt werden kann, denn ein Unternehmen kann nichts herausgeben, was es nicht entschlüsseln kann. Im äußersten Fall kann es verschlüsseltes Material herausgeben, das sich nicht sinnvoll lesen lässt. Doch Big Tech hat immer wieder wenig Interesse daran gezeigt, diese Art von Schutz anzubieten, geschweige denn, sie bei den Diensten, in denen Menschen ihre sensibelsten Informationen speichern, zum Standard zu machen.

Die Schutzmaßnahmen von Big Tech für die Privatsphäre reichen nicht aus

Wie geht Big Tech mit der Privatsphäre von Benutzern um? Wenn diese Unternehmen überhaupt stärkere Schutzmaßnahmen anbieten, sind diese oft nur teilweise, optional oder leicht rückgängig zu machen. Hier sind einige Beispiele:

  • Die Funktion Advanced Data Protection (ADP) von Apple — eine optionale Funktion, die die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung auf mehr iCloud-Daten ausweitet, darunter Sicherungen, Fotos, Notizen und Dateien — ist standardmäßig nicht aktiviert. Im Februar 2025 entfernte Apple ADP im Vereinigten Königreich, nachdem die Regierung mehr Zugriff auf verschlüsselte iCloud-Daten gefordert hatte. Apple focht die Anordnung später an, jedoch erst, nachdem der Schutz zunächst zurückgezogen worden war.
  • Meta bietet Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für Instagram-Unterhaltungen nur als optionale Funktion und nur in bestimmten Regionen an. Das Unternehmen kündigte vor Kurzem an, E2EE vollständig aus Instagram-DMs zu entfernen, und erklärte, diese werde von „nur sehr wenigen Menschen“ genutzt. Tools zum Schutz der Privatsphäre, die tief in den Einstellungen verborgen und standardmäßig nicht aktiviert sind, werden von den meisten Menschen jedoch leicht übersehen.
  • Google ist mit Verstößen gegen die Privatsphäre bestens vertraut und sah sich allein 2025 mit Geldstrafen von 4,24 Milliarden US-Dollar konfrontiert. Im Januar 2026 erklärte sich das Unternehmen bereit, 68 Millionen US-Dollar zu zahlen(neues Fenster), um eine Klage beizulegen, in der Google Assistant vorgeworfen wurde, nach Fehlauslösungen private Unterhaltungen unzulässig aufgezeichnet zu haben; Benutzer gaben an, diese Aufnahmen seien anschließend für gezielte Werbung verwendet worden.
  • KI hat Big Techs Modell der Datenernte nur perfektioniert und ermöglicht es diesen Plattformen, sensible Informationen in großem Maßstab zu sammeln und zu analysieren — sei es, um Modelle zu verbessern, Werbung zu personalisieren oder vollständigere Benutzerprofile zu erstellen. Meta verarbeitet zum Beispiel alle Meta-AI-Interaktionen für Werbung, selbst innerhalb privater Unterhaltungen, während Google Gemini überall integriert hat, auch in Gmail und Android.

Regierungen können deine Daten kaufen oder sie anderswo anfordern

Anfragen an Big Tech sind nur ein Teil des Gesamtbilds. Laut FBI-Direktor Kash Patel kaufen US-Behörden Standortdaten von Datenhändlern, um Menschen zu verfolgen. Das zeigt, wie schnell persönliche Daten aus einer scheinbar privaten Sammlung in staatliche Überwachung übergehen können.

Seit Jahren verkauft Big Tech Benutzern die Idee, dass Bequemlichkeit, Personalisierung und ein besseres Interneterlebnis den Kompromiss bei der Privatsphäre wert sind. Was dieser Deal tatsächlich geschaffen hat, ist ein System, in dem persönliche Daten als Vermögenswert behandelt werden: in großem Maßstab gesammelt, jahrelang gespeichert und für jeden verfügbar gemacht, der sie kaufen oder rechtmäßig anfordern kann.

Eltern wissen schon, dass das System ihre Kinder im Stich lässt

Die ersten digitalen Spuren eines Kindes entstehen oft auf Plattformen, die darauf ausgelegt sind, Daten so lange wie möglich zu sammeln, aufzubewahren und zu analysieren. Was als Schulkonto, erster Posteingang, Messaging-App oder Gaming-Anmeldung beginnt, kann mit der Zeit zur Grundlage eines viel größeren Profils werden. Sobald dieses Profil existiert und gelesen werden kann, ist es für alle nützlich, die an Benutzerdaten interessiert sind, darunter KI-Systeme, Werbetreibende, Datenhändler und Regierungen — unabhängig vom Alter des Benutzers.

Eltern wissen das.

Eine Proton-Umfrage unter US-Eltern ergab:

  • 78 % sorgen sich um die Online-Privatsphäre ihres Kindes, darunter 56 %, die sehr besorgt sind.
  • 70 % sagten, dass Informationen über ihr Kind online seine persönliche Sicherheit beeinträchtigen könnten.
  • 59 % sorgen sich um Rufschädigung.
  • 56 % sorgen sich um Bildungschancen.
  • 55 % sorgen sich um zukünftige berufliche Chancen.
  • 62 % sagten, sie würden die gesamte Online-Historie ihres Kindes löschen und neu anfangen, wenn sie könnten.
  • 65 % glauben, dass Big Tech mit den persönlichen Daten ihres Kindes Profit macht.

So reduzierst du von Anfang an die Offenlegung der Daten deines Kindes

Kein Elternteil kann sein Kind komplett aus der digitalen Welt heraushalten. Aber Familien können verringern, wie viele persönliche Daten überhaupt erst in das System gelangen.

  • Beginne mit Diensten, die standardmäßig privat sind, darunter eine private E-Mail-Adresse, die Posteingänge nicht für Werbung scannt und keine lesbaren Nachrichteninhalte speichert.
  • Verschiebe unnötige Kontoerstellungen, denn viele Plattformen drängen Kinder dazu, sich früher zu registrieren, als es nötig ist. Je weniger Konten in werbefinanzierten Ökosystemen erstellt werden, desto weniger Daten fallen an.
  • Prüfe Standardeinstellungen von Schulen und Apps sorgfältig, einschließlich App-Berechtigungen und Privatsphäre-Einstellungen. Bildungsplattformen, Unterrichtstools und Messaging-Apps für die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrkräften können mehr Daten sammeln, als Familien erwarten.
  • Teile anfangs weniger, darunter Fotos, Standorte, Aktivitätsverläufe und andere kleine Details, die sich mit der Zeit zu einem viel größeren Profil ansammeln können.
  • Wähle Verschlüsselung von Anfang an statt erst im Nachhinein. Optionale Privatsphäre-Funktionen, die tief in den Einstellungen verborgen sind, übersieht man leicht, und Unternehmen können sie ebenso leicht wieder rückgängig machen. Schutzmaßnahmen sind am wirksamsten, wenn sie von Beginn an integriert sind.
  • Entscheide dich bewusst für Privatsphäre von Anfang an, denn Big-Tech-Unternehmen setzen darauf, dass die meisten Menschen bei dem bleiben, was am einfachsten ist — selbst wenn diese Standardeinstellungen die Datensammlung mehr begünstigen als die Privatsphäre.

Die nächste Generation muss dieses fehlerhafte System nicht erben

Die aktuelle Generation hat bereits Jahre auf Plattformen verbracht, die darauf ausgelegt sind, so viele persönliche Daten wie möglich zu sammeln und aufzubewahren; es gab nur wenige echte Alternativen, und kaum jemand verstand, wie die Entscheidungen von heute die Risiken von morgen schaffen könnten. Kinder sollten nicht am selben Punkt starten müssen. Und weil so viel digitales Leben mit einer E-Mail-Adresse beginnt, kann dieser erste Posteingang prägen, wie privat (oder wie offen) alles ist, was danach kommt.

Je mehr Benutzerinformationen Big Tech in lesbarer Form speichert, desto mehr Daten können Regierungen anfordern, KI-Systeme analysieren und Datenhändler in Umlauf bringen. Privatsphäre ist eine Frage der Architektur, nicht nur der Richtlinie. Wenn wir eine andere Zukunft wollen, müssen wir Kindern einen Start außerhalb der Systeme ermöglichen, die dieses hier geschaffen haben.